23.10.2023
Kolumne Verantwortung: Ein weiches Herz

Klimakrise, Kirchenaustritte, Rechtsruck. Die furchtbaren Kriegsbilder.
Es schmerzt. Ein Schmerz, der sich um mein Herz legt und es verschließt.

Was gibt mir Kraft, mit all dem Schmerz umzugehen?
Ich sei zu dünnhäutig, höre ich oft. Habe eine dünne Stelle am Herzen. Und ich spüre es ja selbst – verwundbar bin ich. Empfindsam, weich, feinfühlig.

„Mehr als alles andere, behüte dein Herz. Denn von ihm geht das Leben aus.“ Steht in der Bibel, im Sprüchebuch.
An einem schmerzenden Herzen zu leiden und diese Zersplitterung unerträglich zu finden, gehört für die Theologin und Poetin Dorothee Sölle zum christlichen Glauben dazu. Der Blick in die Welt tut weh. Aber er hilft uns, niemals zu akzeptieren, dass die Welt ist, wie sie ist.

Mehr als alles andere, behüte dein Herz –
Ich habe von Christina Brudereck (@christinabrudereck) gelernt: Ich kann auf mein Herz Acht geben, WEIL ich diese dünne Stelle am Herzen habe. Eine Stelle, die ein Fenster offen lässt gen Himmel. Zu Gott. Die den Glitzer, Schönes und Zuversicht reinlässt.

Ein weiches Herz behalten und Freude zu empfinden, trotz Schmerz, birgt eine unbändig starke Wärme. Diese Wärme gibt mir Kraft. Sie füllt das verkrampfte Herz mit Glück, sodass es warm wird und sich lösen kann. Herzenswärme besänftigt dieses nutzlose Gefühl von Ohnmacht.

Mir wird warm ums Herz, wenn ich durch den Herbstwald laufe oder bei Menschen bin, welche die Welt mit neuen Melodien füllen. Ich darf Schönes tanken – trotz allem. Es ist eine für mich tiefchristliche Übung, ein weiches Herz zu behalten und trotzdem klar Stellung zu beziehen. Gott hat uns diese Welt geschenkt, er hat sie uns zur Verfügung gestellt und es ist unsere Aufgabe, uns um diese Schönheit zu kümmern.

Ich wünsche mir, dass wir einander Gemeinschaften sind, wo wir dünnhäutig bleiben und uns lichteinfallende, wärmende Kraft geben. Voll mit Wärme und Schönheit. Denn wie Dorothee Sölle sagt: „Die Veränderung, die aus einem weichen Herzen geboren wird, ist die Langfristigste und Stärkste.“

Ein Text von Aline Ott, EKM-Erprobungsräume




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