12.11.2021
SonntagsPost - 14. November 2021

„Willst du denn ewiglich über uns zürnen und deinen Zorn walten lassen für und für?“ (Ps 85,5) – Straft Gott?

Zu sehen ist eine zersplitterte Scheibe, darunter der Psalm 85,5 und die Frage "Straft Gott?"
Psalm 85,5 und die Frage nach Gottes Strafe

Diese Verse über den Zorn Gottes sind bis heute eine Glaubensanfechtung für mich. Ich versuche, Gottes Wesen und Willen sehr bewusst nicht zu bestimmen. Ich glaube das können wir Menschen nicht und genau diese Übergriffigkeit bringt viel Streit in den Religionen hervor. Gleichzeitig sind die biblischen Texte voll von Versuchen, Gott in Form zu pressen (die Bibel selbst birgt diese Gefahr auch). Wie also von Gott reden, ohne ihn vereinnahmen zu wollen? Darf ich von der Liebe sprechen, von Gnade und Gerechtigkeit? Oder muss ich dann nicht auch die Kehrseite betrachten? Wie ist das mit dem strafenden, zornigen, ungnädigen Gott? Die Bibel kennt ja vieler solcher Worte.

"Heute traut sich keiner mehr von Gottes Zorn zu sprechen. In der Kirche ist alles so seicht..." Solche Worte begegnen mir immer wieder im kirchlichen Kontext. Doch ist das wirklich so? Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich nicht traue. Ich habe eher das Gefühl, dass ich nicht an einen solch' strafenden Gott glaube. Zumindest nicht an einen barbarischen, sadistischen Gott, der tötet, misshandelt und krank macht. Ich kann ja nicht gegen meine Überzeugungen predigen.

Für mich hat Gott in der Welt Spuren hinterlassen. Ich glaube ein deutlicher Abdruck ist die Eltern-Kind-Beziehung. Ist diese Beziehung gesund, dann basiert sie nicht auf Strafe, Angst und Scham. Sie ist gepägt von Liebe, Achtung, Respekt und ja - auch durch Konsequenzen. Aber Gewalt gehört nicht in diese Beziehung. Genau so wenig kann ich glauben, dass Gott uns Gewalt antut. Ich sehe ihn als Vater (manche als Mutter, Bruder, Schwester, Geistwesen), der mit mir in einer liebevollen und freiheitsschenkenden Beziehung steht. Anders kann ich nicht glauben. In aller Stückhaftigkeit. In aller Brüchigkeit. In aller Demut.

 

"Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn die Furcht hat mit Strafe zu tun; wer sich nun fürchtet, ist nicht vollkommen geworden in der Liebe." (Joh 4,18)

 

Wie steht ihr zu dieser schweren Frage?

Eure Jenni, Pfarrerin der OnlineKirche