Liebe deine Feinde – sogar auf Facebook

Andacht feiern mit der OnlineKirche. Allein oder in Gemeinschaft, mit Hilfe des PC oder dem Smartphone. Hier die Andacht zum 27. September 2018.

Lied: Brich mit den Hungrigen dein Brot (EG 420) (Hörbeispiel Klavierbegleitung via youtube)

Psalm:

Hab Erbarmen mit mir, Gott! Denn Menschen stellen mir nach!

 

 

Doch heute, wenn ich mich so fürchte, setze ich mein Vertrauen auf dich.

Auf Gott vertrau ich und fürcht mich nicht! Was können mir Menschen schon antun?

 

 

Mein Elend hast du doch aufgeschrieben! Nun sammle meine Tränen in deinem Krug!

Ist nicht alles in deinem Buch festgehalten? Ich weiß bestimmt: Gott tritt für mich ein!

 

 

Auf Gott – dieses Wort lobe ich mir! Auf den HERRN – dieses Wort lobe ich mir: Jetzt liegt es an mir, Gott!

Was ich dir versprochen habe, will ich erfüllen.

 

 

Meine Füße hast du vor dem Sturz bewahrt. So kann ich meinen Weg mit Gott gehen – im Licht, das mir das Leben schenkt.

 

Bibelwort:

„Das ist doch das Gebot, das Gott uns gegeben hat: Wer ihn liebt, muss auch seinen Bruder und seine Schwester lieben.“ 1 Joh 4,21 (Übersetzung der Basisbibel)

 

Auslegung:

Neulich auf meinem Facebook-Account. Ich poste einen Zeitungsartikel, der mich beschäftigt, der Fragen aufwirft, den ich gern mit anderen diskutieren möchte.

Als ich das nächste Mal auf Facebook vorbeischaue, sehe ich, wie eine mir unbekannte Frau meinen Artikel kommentiert hat. Gut denke ich. Aber dann sehe ich genauer hin. Lese ihre Zeilen und auch den politischen Aufruf an den Bundestag, den sie angehängt und den ich unterschreiben und weiter verbreiten solle.

Wut steigt in mir auf. So ein Mist, denke ich. Ein furchtbarer Artikel.

Da wird vereinfacht, da werden einfache Antworten auf schwierige Fragen gegeben. Da wird gegen Flüchtlinge gehetzt und pauschalisiert. Jetzt koche ich.

So ein Mist auf meiner Facebook-Seite. Ich überlege was ich mache.

Löschen? Wütend zurückschreiben? Auge um Auge, Zahn um Zahn? Den gleichen Tonfall anschlagen.

Ich ziehe bei mir erst mal den Stecker und fahre etwas runter. Suche etwas Abstand. Lass den Ärger sich etwas setzen.

Und da kommt mir ein frischer Gedanke:

Wenn Sie meine Filterblase durchbrochen hat und auf meine Seite etwas schreiben kann, dann kann ich ihre Filterblase doch auch einmal anpicksen. Kann ihr und ihren Freunden einmal meine Meinung sagen. Kann den Dialog wagen, den ich ja eigentlich gesucht habe. Endlich einmal nicht mehr nur mit den Leuten im Gespräch sein, die meine Meinung bestätigen. Womöglich noch etwas lernen?

Ich schreibe klar und deutlich zurück: „Ich bin NICHT Ihrer Meinung und WIDERSPRECHE Ihnen entschieden.“ Und ich schreibe noch etwas: „Ich werde also Ihren Aufruf weder unterschreiben noch weiter verbreiten. Ich werde ihn aber auch nicht löschen, weil es mir um die Debatte geht und wir verschiedene Meinungen aushalten und diskutieren müssen.“

Manchmal ist Liebe auch streng. Und klar. Und konfrontativ.

Um der Wahrheit willen. Und um der Schwester oder des Bruders willen mit der oder mit dem ich um die Wahrheit ringe. Offen, aber fair. Klar, aber im Gespräch mit dem anderen. Und in der Offenheit, von dem anderen noch etwas zu lernen. Das bin ich ihr oder ihm schuldig.

Wenn das keine Liebe ist.

Pfarrer Ramón Seliger